Über NAV-DEM

Die Föderation der Kurdischen Vereine in Deutschland YEK-KOM e. V. wird ihre Arbeit fortan unter dem Namen NAV-DEM e. V. fortsetzen.

Wir haben in den vergangenen zwei Jahren in unseren Vereinen mit unseren Mitgliedern und anderen kurdischen Institutionen vielschichtige Diskussionen über die Probleme und Schwierigkeiten unserer Vereine und Strukturen geführt. Auf Grundlage dieser Diskussionen haben wir am 21. und 22. Juni 2014 den 20. Jahreskongress von YEK-KOM in Dortmund mit dem Ziel einer Neuorganisierung veranstaltet. Neben der inhaltlichen Neustrukturierung wurde dabei die Änderung des Namens der Föderation der Kurdischen Vereine in Deutschland (YEK-KOM) in Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland (Navenda Civaka Demokratîk ya Kurdên li Almanya, NAV-DEM) beschlossen und die rund 800 Delegierten verabschiedeten eine Satzung für die neugeschaffene Struktur.

Am Jahreskongress nahmen neben den Delegierten unserer Mitgliedervereine auch Vertreterinnen und Vertreter der Vereine verschiedener kurdischer Religionsgemeinschaften, Jugend- und Frauenvereine, Kunst- und Kulturvereine, kurdischer Studierenden- und AkademikerInnenverbände sowie kurdischer Elternvereine teil. Insgesamt waren 13 verschiedene kurdische Vereine und Institutionen vertreten.

Eines unserer wichtigsten Ziele im Rahmen der Neuorganisierung war, unsere Strukturen umfassender zu gestalten. So sollen beispielsweise die kurdischen Vereinigungen, die in verschiedenen sozialen Bereichen arbeiten, ebenso Teil dieser Struktur sein wie der altbekannte kurdische Verein. Um hierfür eine passende Satzung aufzusetzen, hatten wir im Vorfeld zusammen mit einer siebenköpfigen Gruppe kurdischstämmiger AnwältInnen einen Entwurf erarbeitet. Dieser sah die Selbstorganisierung in Form eines Rates vor. Wir haben auf dem Kongress mit unseren Delegierten tiefgreifend darüber diskutiert, Veränderungen und Ergänzungen eingearbeitet und schließlich den Satzungsentwurf verabschiedet.

In den Diskussionen im Vorfeld des 20. YEK-KOM-Jahreskongresses wurde schnell klar, dass der bisherige Organisationstypus nicht mehr die passende Antwort auf die Probleme und Schwierigkeiten unserer hier lebenden Gesellschaft bietet. YEK-KOM war eine Struktur, die sich gemäß den Gegebenheiten der 90er Jahre gebildet hatte. Spätestens seit den 2000er Jahren herrschte Bedarf an einer Neustrukturierung. Mit einer gewissen Verzögerung soll nun NAV-DEM diesen Bedarf decken.

NAV-DEM versteht sich als eine Dachorganisation. Ihr Ziel ist es, neben den kurdischen Vereinen auch die Selbstorganisierung der Kurdinnen und Kurden im politischen, religiösen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich zu umfassen. Auch anderen kurdischen Einrichtungen, Stiftungen und Vereinen steht der Weg offen, sich bei NAV-DEM zu organisieren. Unterstützt wurde der Gründungsakt von bis zu 250 Vereinen.

Das alte Organisationsmodell der Kurdinnen und Kurden in Deutschland war äußerst zerstückelt und unkoordiniert. Dadurch konnte es hier kaum die Bedürfnisse der kurdischen Community befriedigen. Auch war es dadurch äußerst schwer, im Namen »der KurdInnen« Entscheidungen zu treffen und ihren Willen widerzuspiegeln. Der Wunsch nach einer gemeinsamen Dachorganisation, die diese Defizite ausgleicht, war äußerst dringend.

NAV-DEM ist nicht nur eine bundesweite Dachorganisation. Auch im Lokalen sollen an die Stelle der bisherigen Vereine die »Demokratischen Gesellschaftszentren der KurdInnen« treten. Diese sollen im Lokalen ein Dach bieten für alle kurdischen Institutionen, Vereine, Glaubensgemeinschaften, Initiativen und sozialen Gruppen. Jede Gruppe bewahrt unter diesem Dach ihre Eigenheiten und arbeitet gleichzeitig in gemeinsamer Koordination mit den anderen.

Während wir das alte Organisationsmodell als ein eher monistisches, gar nach nationalstaatlicher Mentalität aufgebautes System bezeichnen können, kommt das neue Modell dem Verständnis von der Demokratischen Nation näher.

Einer der wichtigsten Gründe für die Neuorganisierung ist der Umstand, dass sich die Erwartungen und Probleme der in Deutschland lebenden rund eine Million Kurdinnen und Kurden verändert haben. Als sie zunächst als GastarbeiterInnen oder politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, hatten die meisten unter ihnen geplant, nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Aber ein Großteil von ihnen rückte von dieser Absicht ab und heute leben Kurdinnen und Kurden zum Teil in vierter Generation in Deutschland. Damit einhergehend haben sich auch ihre Probleme verändert. Sie sind, wie andere migrantische Gruppen auch, vielfältigen sozialen, beruflichen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten ausgesetzt. Genauso wie die deutschen Institutionen nicht fähig sind, den Menschen bei ihren Problemen genügend Unterstützung zu leisten, war auch die reine Selbstorganisierung über die Vereine nicht zur notwendigen Hilfe in der Lage. Stattdessen sollen nun die kurdischen Einrichtungen, die in den verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens arbeiten, in gemeinsamer Kooperation unter dem Dach des Demokratischen Gesellschaftszentrums die Möglichkeiten für Lösungen der Alltagsprobleme der Menschen aufzeigen und Unterstützung geben. Und das Gesellschaftszentrum soll sich auch nicht allein auf die kurdischen Einrichtungen beschränken, sondern offen sein für die Zusammenarbeit mit anderen MigrantInnengruppierungen und deutschen Vereinen und Institutionen.

Mit der Neuorganisierung wird auch ein weiteres Ziel angestrebt: der Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. So wird das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit, das Verständnis, dass die Freiheit der Gesellschaft nur über die Freiheit der Frau erlangt werden kann, innerhalb der eigenen Strukturen verfolgt. Ebenso ist es ein Ziel, dass innerhalb und außerhalb der Demokratischen Gesellschaftszentren ein ökologisches Verständnis Verbreitung findet. Unserer Vorstellung nach soll bei den Menschen innerhalb der Strukturen der Gedanke des freien Individuums in der freien Gesellschaft seinen Platz finden. So sollen sich nach Möglichkeit Expertinnen und Experten in den verschiedensten Lebensbereichen gemeinsam mit den Menschen der jeweiligen Region, in der sie leben, organisieren und mit ihren eigenen Möglichkeiten Lösungen für die verschiedensten Fragen des Lebens entwickeln können. Die Fähigkeit, gemeinsam mit der Gesellschaft selbst Antworten auf die eigenen Fragen zu entwickeln, hängt eng zusammen mit dem Gedanken des freien Individuums in der freien Gesellschaft.

Das Ziel der Geschlechterbefreiung haben wir mit dem Gründungskongress bereits in die praktische Umsetzung unserer Neuorganisierung eingebunden. Laut unserer neuen Satzung wird der Kovorsitz, bestehend aus einer Frau und einem Mann, in unseren Strukturen zur Notwendigkeit. Das ist ein erster wichtiger Schritt, um die Frage der Geschlechterbefreiung nicht allein der »Gutmütigkeit« des Mannes zu überlassen.

Auf dem 20. YEK-KOM-Jahreskongress haben die in Deutschland lebenden KurdInnen und ihre Freundinnen und Freunde einen ersten bedeutenden Schritt getan, um Antworten zu finden auf die politischen, organisatorischen, kulturellen und sozialen Fragen der Menschen.

Kurz gefasst war YEK-KOM ein Dachverband für die kurdische Vereine, während NAV-DEM die Zusammenarbeit von Frauen, Jugendlichen, verschiedenen kurdischen Religionsgemeinschaften und insgesamt 260 Vereinen und Einrichtungen koordinieren soll. Der Fokus von NAV-DEM, das muss nochmals betont werden, ist auf die Koordinierung gerichtet, denn die primäre Entscheidungsbefugnis liegt bei den Gesellschaftszentren auf der lokalen Ebene. Ziel der Neuorganisierung ist es schließlich, die Demokratie in der Basis zu organisieren und zu fördern.

Düsseldorf, 18.07.2014

NAV-DEM – Navenda Civaka Demokratîk ya Kurdên li Almanyayê | Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland e. V.